Fragt man Frauen, wie sie wirken wollen, wird oft „authentisch“ ganz weit vorne genannt.
Das Übereinstimmen von Fühlen-Denken-Sagen-Tun, da wo wir ganz bei uns sind, echt, unverfälscht, in unserer Mitte…. Und aus dieser und nur aus dieser heraus, so die Annahme, wirken und fühlen wir uns dann sicher und souverän, überzeugend und echt. Ich bin sicher: Authentizität ist kein unverrückbarer, starrer Punkt. Sie ist sozusagen elastisch. Wir haben mehrere Authentizitäten, je nach der Rolle, die wir gerade spielen..
Wie oft aber, nur mal so angenommen, spielt mir das Leben kleine bis große Streiche: schlecht geschlafen, Albtraum: Die Tochter hat mein Auto zu Schrott gefahren. Morgens fährt der Server nicht hoch, der Taxifahrer findet meine Adresse nicht und hat deutliche Verspätung, flucht in übelster Fäkalsprache. Auf den fast schon fahrenden Zug aufspringen, zum Akquisitionstermin. Da ist es fast schon Mittag, immer noch nicht gefrühstückt, aber der Speisewagen ist heute leider nicht gefunden worden und hat deshalb auch nicht gemeinsam mit dem Rest des Zuges die Reise antreten können, wenigstens einen Kaffee vom durchzockelnden Wägelchen. Peng, brauner Fleck auf weißer Bluse.
Nicht optimal, die Verfassung der Verfasserin.
Ich fühle: Hunger, Müdigkeit, leichte Verzweiflung
Ich denke: Wenn jetzt hier noch die Heizung ausfällt, rastest du aus. Ich will heim ins warme Bett.
Ich sage (zu mir):Es könnte schlimmer kommen, wenigstens ist es warm und trocken
Ich tue: Autogenes Training, dösen, abschlaffen.
Dann der Auftritt beim Kunden, wenig später. Eine ganz andere Art der Authentizität, die professionelle.
Ich fühle: Freude, dass ich mich und meine Fähigkeiten hier präsentieren kann, aber vor allem immer noch Hunger und Müdigkeit, leichten Ärger, Kälte.
Ich denke: Na, diese Gesprächspartner überzeug´ ich doch von mir, aber auch: Der Fleck auf der Bluse wird mir hier hoffentlich nicht das Genick, brechen. Was zu essen wäre nicht schlecht.
Ich sage: Dank für die Einladung, es ist mir ein Vergnügen
Ich tue: lächeln, wippender Gang, kräftiger Händedruck.
Jetzt sagen Sie mir: Was davon ist authentisch und was nicht?
Darf man sich so oder muss sich sogar so verhalten? Ist der Wechsel der Denkrichtung und das willentliche Beeinflussen von Gefühlen nicht vielmehr eine gute Übung für Rollenflexibilität und psychische Gesundheit? Und was hätten Sie in einer solchen Situation mit Ihrer Authentizität angefangen?
Ihre authentische Cornelia Topf